22.06.2009  23:31 Uhr

AKW Unterweser
Chronologie einer Reaktor-Besetzung

Hamburg/Nordenham. Das AKW Unterweser bei Nordenham (Landkreis Wesermarsch) wurde am frühen Montagmorgen von Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace besetzt. Die Chronologie einer Reaktor-Besetzung.

Gegen 2:20 Uhr dringen Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf das Gelände des AKW ein. Zuvor hatten sie die dortigen Zäune überwunden und das völlig überraschte Wachpersonal überrannt. Die alarmierte Polizei kann vor Ort noch widerstandslos 30 Aktivisten vom Gelände begleiten, den anderen Eindringlingen gelingt es, die 60 Meter hohe Reaktorkuppel zu erklimmen. Dort hissen die Greenpeace-Aktivisten symbolbeladen gemeinsam eine Anti-Atomkraft-Fahne und fangen an, das "Stahlbeton-Ei" mit einem überdimensionalen Totenkopf zu bemalen.

Der  PR-Coup der für spektakuläre Aktionen bekannten Umweltschützer dauert bis weit in den Montagnachmittag hinein an. Unterdesen trifft ein starkes Aufgebot von Polizeikräften vor Ort ein. Im Folgenden versuchen die Ordnungshüter die nahezu zwei Dutzend Aktivisten zunächst freiwillig zur Aufgabe und zum Verlassen der Reaktorkuppel zu bewegen. Die Greenpeace-Aktivisten, zivilen Ungehorsam gewohnt, kommen dieser Aufforderung erwartungsgemäß nicht nach.

Eon muss den ganzen Tag über Vorwürfe zurückweisen

Beim  echauffierten Kraftwerksbetreiber Eon in Düsseldorf und München muss man schließlich den ganzen Tag über Kritik wegen vermeintlicher Sicherheitslücken zurückweisen und erklären, dass die AKW-Gegner nicht etwa das Kraftwerk übernommen, sondern richtiger Weise lediglich den Zaun und damit nur einen von mehreren Sicherheitsmechanismen des Kraftwerks überwunden haben. In das AKW selbst war und konnte niemand gelangen.

Ob die Botschaft des Energiekonzerns draußen in der breiten Bevölkerung ankommt, darf angesichts der knapp zwei Dutzend Aktivisten auf einem der leistungsstärksten AKW in Deutschland indes bezweifelt werden. Nicht gerade beruhigend wirkte sicher auch, dass diese ihre Zeit damit verbrachten, die Kuppel des Kraftwerks frech mit überdimensionalen Totenkopf-Bildern zu verzieren.

Krisenkommunikation: die Stunde der Besonnenen

Für die Eon-Oberen war angesichts der Symbolkraft der sich rasant verbreitenden Schlagzeilen und Bilder zu diesem Zeitpunkt alles wertlos: Geld, Greenwashing, der Aktienkurs, die Hardliner von der Konzernsicherheit, die hübsche Assistentin – und insbesondere eins: der Rat von Schaumschläger-Strategen. Denn in solch brenzligen Situationen schlägt in vielen Konzernen traditionell nicht mehr deren Stunde, sondern die der Besonnenen und Vorausschauenden.

Das Inventar möglicher Abwehrmaßnahmen ist zu so einem Zeitpunkt in der Regel bereits derart zusammengeschrumpft, dass man nur noch eins machen kann: dumme Fehler. Gut, wer da im Vorfeld vorausschauend auf vernünftiges Personal gesetzt hat, die die internen Pläne für Krisenkommunikation auch lesen können. Und gut beraten war man bei Eon auch, als man auf eine gewaltsame Räumung der Reaktorkuppel verzichtete und Maß hielt.

Greenpeace zehrt bis heute an "Brent Spar"-Besetzung

Jede grobe Überreaktion eines Konzern-Managers hätte heute gereicht, um aus Eon ein "Eoff" und aus dem AKW Unterweser für Greenpeace eine neue, radioaktive "Brent Spar" zu machen. Vor 14 Jahren hatten die Umweltschützer den Managern des Mineralölkonzerns Shell schmerzhaft vor Augen geführt, dass jeder Industrie-Goliath irgendwann damit rechnen muss, einem "David" zu begegenen. Nichts anderes war die symbolische Botschaft der damaligen Plattform-Besetzung, an der Greenpeace bis heute vergleichbar zehrt, wie die Bundespolizei-Elite-Kämpfer der GSG-9 an der Befreiung der Lufthansa-Maschine Landshut. In der Welt der Konzerne, in der sich traditionell alles um Sieg und Erfolg dreht, ist nichts fataler, als die öffentliche Bloßstellung als raffgieriger Dilettantenverein.

Greenpeace-Aktivisten bei der Überwindung von Zäunen des AKW, Copyright: Greenpeace
Greenpeace-Aktivisten bei der Überwindung von Zäunen des AKW

Strafanzeige gegen AKW-Besetzer

Natürlich hinderte den Betreiber-Konzern am Montag nichts an einer relativ milden Form der Vergeltung: Eon stellte Strafanzeige gegen die AKW-Besetzer. Auch die Strafanzeige hatte zweierlei Symbolkraft: a) Ihr da oben auf dem AKW-Dach habt erstmal gewonnen, und b) wenn Ihr vom Dach seid, spielt ihr nach unseren Regeln.

Den Demonstranten wird schwerer Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung vorgeworfen, da beim Eindringen auf das Gelände auch Zäune beschädigt worden sein sollen. Doch damit ist wohl zu rechnen, wenn 50 Menschen mittleren Gewichts gleichzeitig einen Maschendrahtzaun überklettern. Da sich die Aktivisten auf der Kuppel im Laufe des Nachmittags wieder daran machen wollten, das "Reaktor-Ei" mit neuen Bemalungen zu verzieren, riss aber auch der Einsatzleitung der Polizei schließlich der Geduldsfaden.

Polizei spricht von "verbotener Demonstration"

In einer Meldung der Polizei ist kurioser Weise in bestem Amtsdeutsch von einer "verbotenen Demonstration" die Rede. Die Räumung dieser ganz besonderen Demonstration stellte die Einsatzkräfte der Polizei jedoch heute vor zahlreiche Herausforderungen, da in solchen Fällen insbesondere der Höhenunterschied von 60 Metern relativ unüblich ist.

Auch musste bei einer möglichen Räumung zusätzlich mit Lebensgefahr für die "Höhen-Demonstranten" und die eingesetzen Beamten der Polizei gerechnet werden. Zwar hatte Greenpeace da bereits sein Ziel erreicht, und dem Kraftwerk symbolträchtig eine Art Brandzeichen verpasst, doch nichts wäre schlimmer gewesen, als das Zuschadenkommen von Aktivisten oder Beamten. Der öffentliche Druck auf alle Betroffenen war schließlich enorm.

Ein Interesse an einem unkalkulierbaren "Show-Down" konnte deshalb niemand haben. Zudem geht – das lernt jeder junge Polizeibeamte – Eigensicherung vor. Entsprechend blieb die Polizei heute im wahrsten Sinne des Wortes "auf dem Boden" und vermied übertriebene Härte oder unnötige Risiken für sich und die Demonstranten.

Geordnete Räumung mit Kran und Spezialkräften

Letztendlich verfuhr man nach dem Prinzip "geordnete Räumung" und forderte zunächst einmal einen Kran und Spezialeinsatzkräfte an. Letztere sind auf Höheneinsätze vorbereitet und wissen sich im Gegensatz zum gewöhnlichen Streifenbeamten auch in "Hängepartien" durchzusetzen. Sie können zudem routinemäßig mit Kletterausrüstungen umgehen.

Die Spezialkräfte holten am späten Nachmittag schließlich Aktivist für Aktivist einzeln von der Kuppel oder seilten diese fachgerecht ab. So beendeten sie nach und nach die Besetzung des Eon-Kraftwerks und die des Konzern-Images durch die Greenpeace-Aktivisten. Widerstand gegen die Beamten leisteten die "Höhen-Demonstranten" dabei nicht, versicherte eine Greenpeace-Sprecherin telefonisch gegen 17:40 Uhr  – ziviler Ungehorsam sollte an diesem Tag schließlich ziviler Ungehorsam bleiben. Und die Schlacht des Davids gegen den Goliath war ja irgendwie sowieso schon gewonnen.

Am Ende zählte man 22 weibliche und männliche Aktivisten vor den Polizei-Bullis. Da stand dann erstmal die Fahrt zur Polizeiwache an, wo die Teilnehmer der "verbotenen Demonstration" dann erstmal auf den Boden der deutschen Ämterbürokratie zurückgeholt wurden: Fotos machen, Fingerabdrücke abgeben und in einer Polizeizelle schmoren.

Doch eins hatten die Demonstranten an diesem Tag nicht erreicht: die Laufzeit des Kernkraftwerks Unterweser – das betonte man bei Eon durchgängig – hatte sich an diesem Tag nicht verkürzt. Man ließ den Reaktor einfach die ganze Zeit im Normalbetrieb weiterlaufen. Wenigstens einen Kommunikationserfolg hatte man somit erreicht. Nur eine Partei dürfte angesichts so vieler Kommunikationsspezialisten am Montag nicht vor Freude gestrahlt haben: die Spezialeinsatzkräfte der Polizei kurz nach ihrem Einsatzbefehl.


 

(Onur Yamac)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Polizeifoto
Bild Nr. 2 © Greenpeace

 


 

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