12.10.2009  14:45 Uhr

Presse-Querschnitt
Meinungen zum Nobelpreis für US-Präsident Barack Obama

Oldenburg. Der Nobelpreis für den charismatischen US-Präsidenten Barack Obama hat bei den Kommentatoren in den Medien ein verhaltenes bis ablehnendes Echo ausgelöst. So wird beispielsweise unterstellt, dass der erste farbige Präsident im Weißen Haus in der Weltpolitik eine andere Tonlage eingeschlagen und in seiner kurzen Amtszeit schon vieles habe bewirken können, aber bislang die großen Konflikte noch nicht gelöst habe.

Neue Westfälische: Friedensnobelpreis für Obama ist Simultanschach

Bielefeld. (Von Bernhard Hänel) - Einen ungedeckten Wechsel auf Frieden hat das Nobelpreiskomitee für Präsident Barak Obama ausgestellt. Die Summe steht fest, der Erfolg aber steht aus. Das erklärt das Erstaunen, das sich allenthalben breit machte nach Verkündung der Entscheidung. Dieser Preisträger kann bislang keinerlei Meriten vorweisen für die ihm zugedachte Ehre außer dass er es verstanden hat weltweit die Hoffnung zu verbreiten, die Welt könnte friedlicher werden. Das Gefangenenlager in Guantánamo ist noch immer nicht geschlossen und die weltweite atomare Abrüstung ist bisher nur eine Idee. In Afghanistan wird weiter getötet und der Friedensprozess im Nahen Osten kommt keinen Schritt voran. Auch innenpolitisch kämpft dieser Präsident mit dem Rücken zur Wand. Sein so bitter für die Amerikaner notwendiges Projekt einer Gesundheitsreform droht zu scheitern. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat dies auf den Punkt formuliert: Obama spielt sechs Schachpartien zur gleichen Zeit. Das Schlimme ist: Obama muss Simultanschach spielen, wenn er dem Ziel einer friedlicheren Welt näher kommen will. Jahrzehntelang wäre der Nahost-Konflikt bei gutem Willen singulär lösbar gewesen - heute hängt er mit unlösbar mit dem Atomprogramm des Iran, dem islamistischen Terrorismus und dem Afghanistan-Krieg zusammen. Und so bleibt nur die Hoffnung, dass die Auszeichnung Obama dazu zwingt, in seinem Bemühen nicht nachzulassen.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ): Friedensnobelpreis - Ist Obama eine gute Wahl?

Essen. (Von Ulrich Reitz) - Herzlichen Glückwunsch Barack Obama, herzliches Beileid Nobelpreis. Nichts gegen den US-Präsidenten, seine Visionen einer friedlicheren, multikulturell und -religiös toleranteren, klimafreundlichen Welt. Aber was hat dieser ehrenwerte Mann eigentlich bis dato geleistet, was konnte er überhaupt leisten in den elf Monaten seit seiner Wahl? Dem Preis-Komitee reichten Ankündigungen und Versprechungen, um den wichtigsten Friedenspreis der Welt zuzusprechen. Das schadet dem Preis, und es wird dem Preisträger nicht nutzen. Der Nobelpreis an den Visionär kann den Spielraum des tagespolitischen Pragmatikers einschränken. Wie lautet wohl die Schlagzeile, wenn der Iran-Konflikt eskaliert und der Atomwaffen-Streit militärisch wird: Friedensnobelpreisträger bombardiert Atomanlagen? Wie jene, wenn Afghanistan im Desaster endet? Und aller positiven klimapolitischen Signale zum Trotz: der nächste Klimagipfel droht gerade an den Amerikanern zu scheitern. Washington macht keine altruistische, sondern interessengeleitete Politik. So versucht Obama, Afrika nicht nur aus Menschenfreundlichkeit für Amerika zu gewinnen; sondern auch, weil Hauptweltmacht-Konkurrent China in dieser rohstoffreichen Region dank gewaltiger Geldreserven vorne liegt. Gewiss, Obama hat es schnell geschafft, die USA in der Welt moralisch zu rehabilitieren. Aber ist der Nobelpreis ein Bush-Weg-Preis? Und wenn es der Jury um diesen Effekt gegangen ist: weshalb hat sie nicht das amerikanische Volk prämiert? Gerade wird die Welt - G 20 statt G 8 - multilateraler, ist dabei, Macht und Mitsprache auf mehr Köpfe zu verteilen. Da braucht es keinen Welt-Präsidenten. Die Nobelpreisler haben es nur gut gemeint.

Neue Osnabrücker Zeitung: Obama zum Nachteil

Osnabrück. Auch wenn noch so viele jubeln: Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an den Falschen. Nicht, dass sich US-Präsident Barack Obama um den Frieden nicht verdient gemacht hätte. Immerhin schrubbt er den üblen Anstrich von Sendungsbewusstsein und brunnenvergiftender Schärfe ab, der in der Ära Bush an der Außen- und Sicherheitspolitik der USA klebte. Das beschränkt sich bis jetzt aber weitgehend auf eine Änderung des Tonfalls, nicht der Substanz. Die sieht so aus: Im Afghanistan-Krieg stockt Obama die Truppe auf, US-Söldnerfirmen bleiben blendend im Geschäft, und das gesetzlose Gefangenenlager Guantánamo erfüllt noch lange seinen Zweck. Das alles hat Obama nicht eingefädelt oder angefangen. Aber zählbare Ergebnisse einer Friedenspolitik, die seine Handschrift trägt - mithin stichhaltige Gründe für die Verleihung des Friedensnobelpreises -, sind noch nicht in Sicht. So verkommt die Auszeichnung zum Gag, zur flüchtigen Augenblicks-aufnahme. Schlimmer noch: Sie gereicht Obama zum Nachteil, weil die Verleihung unter solchen Vorzeichen an frühere Fehlbesetzungen und all die Fälle von rasch welkendem Vorschusslorbeer erinnert. An Preisträger, die zu keiner Zeit die teils naiven Friedenshoffnungen erfüllten, derentwegen die Wahl auf sie gefallen war.

Mindener Tageblatt: Friedensnobelpreis - Vorschusslorbeeren

Minden. Das Nobelpreiskomitee hat im Lauf seiner Geschichte schon viele Entscheidungen getroffen, die den Rest der Welt überrascht haben - um es dezent auszudrücken. Die Verleihung des Friedenspreises an den jungen und sich eigentlich noch in seinem Amt einrichtenden US-Präsidenten Barack Obama eröffnet in dieser Reihe sozusagen eine neue Kategorie; man könnte sie "Vorschusslorbeeren" nennen. Zweifellos ist Obama ein ungemein charismatischer Politiker, zweifellos hat er sympathische Visionen und ganz sicher hat er - so die ausdrückliche Begründung für den Preis - ein neues Klima in die Weltpolitik gebracht. Zunächst einmal. Ob dieses Klima mehr ist als das Ergebnis einer blendend funktionierenden PR- und Charme-Offensive, wie lange es anhält, vor allem aber: ob es auch konkrete, handfeste politische Ergebnisse zeitigt, die der Welt den Frieden näherbringen - das allerdings muss sich erst noch weisen. Bislang ist außer ansprechender Rhetorik und Hoffnung machenden Gesten noch nicht viel zu verbuchen. Das wäre auch zuviel verlangt. So sind es denn wohl auch eher die Hoffnung auf eine bessere Welt und das Vertrauen darauf, dass ihr mächtigster Politiker dies befördern kann, die mit dem Preis aus Oslo gewürdigt werden. Für den so Geehrten ist das eine nicht kleine zusätzliche Bürde, wächst doch die ohnehin schon Übermenschliches erhoffende Last der Erwartungen noch einmal. Ein Heilsbringer aber ist Barack Obama nicht und kann es nicht sein; er ist ein Politiker, der sich daheim wie in der Welt mit widrigen Umständen und zuwider laufenden Interessen auseinandersetzen muss, auch bösartigen. Der Friedensnobelpreis mag sein Ansehen noch einmal mehren, eine Hilfe wird er ihm kaum sein können. Nicht jetzt schon.

Westfalenpost: Ansporn und Bürde

Hagen. (Von Eberhard Einhoff )Die Verblüffung über die Entscheidung aus Oslo dürfte inzwischen verpufft sein: Barack Obama wird mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Dass ihm nach eben einmal neun Monaten Amtszeit diese große Ehre zuteil wird, hat den US-Präsidenten ebenso überrascht wie die Welt. Dabei war es eine angenehme Überraschung, aber eben auch eine, die automatisch die Fragen aufwerfen musste, warum denn jetzt schon und für welche konkreten Verdienste Obama ausgezeichnet wird. Neben der Begründung des norwegischen Nobelkomitees hat der frü-here deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher eine treffend-prägnante Formulierung gefunden. Die Entscheidung für Obama, die Genscher als eine der besten des Komitees bewertet, bedeute "eine Ermutigung für eine globale Verantwortungspolitik". In der Tat ist ja der 44. Präsident der Vereinigten Staaten angetreten, um mehr globale Verantwortung zu tragen und gleichzeitig die Staaten dieser Welt stärker in die Verantwortung mit einzubinden. Dass dies weder in ein oder zwei Amtszeiten zu bewältigen ist, noch dass sich die Nationen mit fliegenden Fahnen einer solch ungewohnten US-Politik anschließen würden, ist klar. So ist die Zuerkennung des Friedensnobelpreises an Barack Obama einmal mehr das Setzen auf den schönen, aber ach so schwammigen Begriff Hoffnung. Doch selbstverständlich ist sie auch mehr als das: Sie ist Treibstoff für ein weiteres "Yes, we can" des Präsidenten, der unter der Last der ungelösten Probleme daheim schwächelt, dem seine Landsleute das Leben nicht eben leicht machen und der die unendlich hohen Erwartungen der Welt an sein quasi messianisches Wirken natürlich nicht erfüllen konnte. Wie denn auch? Der Mann kann also Ansporn dringend gebrauchen. Gleichzeitig setzt die Auszeichnung ihn auch unter zusätzlichen Druck: Obama muss nun die Bürde tragen, das "neue Klima in der Weltpolitik" zu erhalten und ihm ertragreiche politische Ernten abzutrotzen.


 

(Redaktion)

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