Neue Antibiotika-Datenbank in NRW
"Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung"
Düsseldorf. Nach der Veröffentlichung Antibiotika-Studie in nordrhein-westfälischen Tiermastbetrieben zieht die NRW-Landesregierung nun erste Konsequenzen. Am Mittwoch wurde eine Datenbank in Betrieb genommen, mit der künftig der Antibiotikaeinsatz in Tiermastbetrieben erfasst werden soll. Die Teilnahme ist freiwillig.
Von Onur Yamac
Das von der Landesregierung in Düsseldorf beauftragte Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz (LANUV) hatte von Februar bis Juni 2011 insgesamt 962 Hähnchenzuchtdurchgänge aus 182 Beständen in NRW auf den Einsatz von Antibiotika untersucht (business-on.de berichtete). Dabei konnte nachgewiesen werden, dass in 83 Prozent der erfolgten Mastdurchgänge antimikrobielle Substanzen eingesetzt wurden. Insgesamt waren 96,4 Prozent der Tiere aus den untersuchten NRW-Betrieben mit Antibiotika behandelt, lediglich bei weniger als 4 Prozent der Masthähnchen kam kein Wirkstoff zum Einsatz. Die beauftragten Wissenschaftler hatten zudem festgestellt, dass die antibiotikafreie Hähnchenmast nur noch die Ausnahme darstellt.
„Jahrelang ist von der Geflügelwirtschaft und der Bundesregierung aus Union und FDP immer wieder versichert worden, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme sei. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Einsatz ist die Regel und gängige Praxis,“ so NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) bei der Vorstellung der Datenbank. Weiter sagte er: „Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung. [...] Der Arzneimitteleinsatz in der Massentierhaltung muss für die Behörden transparenter werden."
Einen Rechtsrahmen gibt es noch nicht
LANUV-Präsident Heinrich Bottermann, bei dessen Landesbehörde die Datenbank angesiedelt ist, sagte anlässlich der Inbetriebnahme: „Wir brauchen einen besseren Überblick über den Einsatz von Antibiotika. Die Daten werden bisher zwar von Tierärzten und Landwirten dokumentiert, aber nicht zentral erfasst und stehen somit den Behörden nicht zeitnah für ihre Überwachungstätigkeit zur Verfügung.“ Nachteil der bundesweit bislang einmaligen Datenbank: Die Eingabe erfolgt zunächst freiwillig. Die Bundesregierung müsse erst den notwendigen Rechtsrahmen schaffen, räumt man in Düsseldorf ein.
Nach dem Willen der Macher sollen Tierärzte und Landwirte ab sofort ihre Daten in die Datenbank eingeben. Dabei soll erfasst werden, wann und wie viele Antibiotika eingesetzt wurden.
Bundesministerin Aigner ist gefordert
„NRW hat seine Hausaufgaben gemacht. Die Bundesregierung hingegen nicht," tönte Remmel anlässlich der Vorstellung der Datenbank. Zwar hat Remmel mit der Beauftragung der Antibiotika-Studie tatsächlich seine Unabhängigkeit von den Interessen der Branche in seinem Bundesland demonstriert, tatsächlich macht auch die nun vorgestellte Datenbank Sinn, ist aber ohne entsprechenden Rechtsrahmen politisch nicht der große Wurf. Im Vergleich zur Aufgabe, verbindliche Standards für die Tiermast-Branche durch Bundestag und den Bundesrat zu bringen, ist die Einrichtung einer solchen Datenbank technisch letztlich ein sprichwörtlicher "Klacks".
Eben damit muss sich derzeit Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) herumschlagen. Kein einfacher Job für Aigner, wie selbst Kabinettsmitglieder mit Blick auf die gewichtige Agrar-Lobby einräumen. Eines hat man in NRW aber sicher erreicht: die im vergangenen Herbst vorgestellte Antibiotika-Studie hat Bewegung in das vernachlässigte Thema gebracht. Ob es die freiwillige Datenbank auch tut, muss sich indes noch zeigen.
(FN)
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Unter diesem Motto der Agrarindustrie leiden heute rund 150 Mill. Nutztiere in deutschen Ställen. Ob Schwein, Rind, oder Legehenne, ob Pute, Kaninchen oder Ente - sie werden verstümmelt, in enge Ställe oder Käfige gepfercht und mit Medikamenten vollgepumpt. Auf der Strecke bleiben nicht nur das Wohl der Tiere und ihre artgemäße Haltung, sondern auch Qualität, Geschmack und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte.
Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, daß Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an.
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